Dienstag, 23. August 2005

Bewegung.

Heute email von meinem Vater bekommen.

Ich kann nichts sagen. Der erste Kontakt seit Jahren. Er bittet um Verzeihung, daß er nicht für mich gekämpft hat. Sagt, es gehe ihm schlecht, sagt, er habe mich gerne. Er kennt mich doch überhaupt nicht...

Weiß nicht, was ich machen soll.

Warum so viel, warum alles auf einmal?

Ich kann nicht.

Nicht weinen, nicht lachen, nicht schimpfen.

Smiri unter Glas, Deckel drauf, Klappe zu, Gefühle tot.

Mein Vater...

..hatte ich jemals einen Vater? Warum sollte ich jetzt einen haben? Will ich den Kontakt? Was will ich? Kann ich wollen?

Und der Miszter hat geschrieben, daß er nicht weiß, wie er sich verhalten soll.

Ich weiß es auch nicht, ich kann nicht agieren.

Ich lege alles in Gottes Hand, bis ich meine Energie wiederhabe.

Soviele Gedanken, alles überschlägt sich, warum all das in so kurzer Zeit, kann ich das ertragen, wieviel kann ich noch ertragen, mit wieviel kann ich mich auf einmal auseinandersetzen?

Frère Roger ist tot, Miszter ist weg, mein Vater ist depressiv und suizidgefährdet. Ich kann das nicht alles verarbeiten. Ich kann gar nichts verarbeiten. Ich kann nur alles aufschreiben, ich bin völlig neben mir. Wenn ich nicht so viele Menschen um mich hätte, die sich um mich kümmern, ich trüge das alles nicht. Jeden Tag mehr, jeden Tag mehr, was denn noch alles? Stop, bitte, laßt mir doch Zeit. Nicht alles auf einmal bitte bitte stop.

Ich dachte, ich könnte nicht mehr, vor ein paar Wochen, noch mit Frère Roger, mit Miszter, ohne Vater dachte ich, ich halts nicht mehr aus. Doch ich halte es aus, Tag für Tag ertrage ich, trage ich. Mehr und mehr häuft sich an, will bedacht, verarbeitet, eingeordnet werden. Aber das Fühlen, das bleibt weg. Ich kann nicht mehr weinen. Alles unter Glas, alles unter Druck. Wie lange geht das gut?
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Montag, 22. August 2005

Ich bin wieder...hier.

So. Nach ganz seltsamen kurzen Abschieden und nur mit einer emailAdresse (nämlich der von Delphine aus Paris) im Gepäck, einer wies scheint ewig währenden Zugfahrt und tiefem Schlaf in meinem (!!!!) Bett (!!!!!!!!) bin ich wieder im Land der Umlaute, wo die Tasten da sind, wo sie hingehören.

Ich werde gleich an die Uni fahren und arbeiten, mal sehen, wie das wird. Ich bin noch in keinster Weise hier angekommen, nichts verarbeitet, nicht bereit. Und doch irgendwie motiviert, alles anzugehen, was da anzugehen ist: Meine HerzMenschen hier haben mir meinen Schreibtisch wundervollst präpariert, sprich aufgeräumt und dekoriert und überhaupt für das "Projekt M.A.". Und dergestalt gepusht kann ich ja jetzt nicht schlappmachen, nicht wahr.

Nichtsdestotrotz fühlt sich alles noch fremd an, als wäre ich ewig weggewesen und doch gar nicht oder nicht mehr Bestandteil des Ganzen. Und dazu kommt, daß viele viele hier nichts wissen von dem, was alles passiert ist und ich somit die gleiche Geschichte gestern schon viermal habe erzählen müssen. Es fällt mir seltsam leicht, von dem Attentat zu sprechen. Als wäre es mir nicht passiert. Sondern nur erzählt worden. Als hätte ich irgendwas in mir ganz dicht gemacht, als wäre es nicht mehr da. Aber es ist noch da, das weiß ich.

Ich würde gerne weinen, endlich hemmungslos alles rauslassen, was da ist, aber da ist nichts. Nur diffuse Verhaltensweisen, die sich weder erklären noch begründen noch wirklich fassen lassen, Zusammenzucken bei lauten Geräuschen, Flucht vor großen Menschenmassen. Ich bin seltsam dumpf. Was für mich ein sehr unangenehmes und ungewohntes Gefühl ist: Nicht deprimierte traurige Leere, sondern...nichts. Ist das noch der Schock? Und was tut man dagegen?

Vielleicht ist das Beste, sich erst einmal in die Arbeit zu stürzen. Und dann weiterzusehen. Wohnung zurückerobern mittels StreichenRegaleAufhängenOrdnenAussortierenUmgestalten. Damit meine Wohnung wieder mein Zuhause wird. Der Geruch ist fast weg, schmerzlicher Verlust gepaart mit...irgendwas positivem wie...Erleichterung? Und Bedauern.

Abschied nehmen, viel zu viel, viel zu oft. Den ganzen Nippes aus der Seele schmeißen, freiwillig, um Luft zu lassen für Neues. Weniger Häßliches, Funktionaleres, Geordneteres.

Aber so bin ich nicht, das wird nicht funktionieren. Alles drinbehalten in der Seele, pflegen, streicheln, ansehen, sich erinnern. Vermissen, was kaputtgegangen ist.

Das alles, sobald ich wieder zuhause bin. Und nicht nur wieder hier.
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Freitag, 19. August 2005

Ein Abschied zuviel...

So langsam laesst der Schock nach und die Trauer setzt ein. Ich werde alles ausfuehrlich aufschreiben, alles, was ich ueber das Attentat weiss, wenn ich wieder zuhause bin, an meinem Rechner und in Ruhe.

Es geht mir alles andere als gut, ich bin erfuellt von einer Kraft, aber keine froehliche Kraft, sondern die Kraft der Trauer und Traurigkeit. Ich habe so viel verloren hier am Dienstag, mehr, als ich mir jetzt hier in Taizé vorstellen kann. Fuer mich gibt es hier keinen Frieden mehr. Ich bin gekommen, um alles zu verarbeiten, um Energie zu schoepfen, aber ich fuehle mich so leer...

Mir wird erst nach und nach bewusst, was alles in den letzten Wochen passiert ist. Zwei meiner FriedensHaefen, meiner HerzMenschen sind nicht mehr da, beide gewaltsam und unerwartet mir entrissen. Keine Zeit zum Trauern, keine Zeit zum Denken. Verdammt, ich habe gesehen, wie sie Frère Roger erstochen hat. Ich habe gesehen. Und vor allem gehoert. Und zum ersten Mal in meinem Leben wirkliche Todesangst gehabt.

Zwei Menschen, die mir soviel bedeutet haben und zwei Orte, an denen ich wirklich zuhause war. Weg. Nicht mehr das, was sie waren.

Ich muss Schluss machen, mir kommen die Traenen und ich hasse es, in der Oeffentlichkeit zu heulen. Ich habe Angst vor zuhause und freue mich doch darauf, hier wegzukommen. Ich wollte schon immer im Chor sein hier, aber ich kann nicht mehr dort sitzen, denn ich habe gesehen. Und gehoert.

Frieden. Bitte. Frieden und Stille in meinem Kopf, in meinem Herzen.
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